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Die Chancen der digitalen Wirtschaft

Unternehmertum in der digitalen Wirtschaft – von Dr. Olaf Berlien 

Das Thema „Digitalisierung“ ist heutzutage in aller Munde. Experten sind sich einig, dass bis 2020 nahezu alle Industrien an ihr teilhaben werden. „Dennoch bleiben strategische Schlussfolgerungen und konkrete Handlungen hinter der ‚gefühlten‘ Bedeutung des Themas in der Öffentlichkeit zurück.“ Zu diesem Ergebnis kam vor einem halben Jahr eine Roland-Berger-Studie und konstatiert eine erhebliche „Durchdringungslücke“. Dabei könnte ein Blick in die Vergangenheit helfen. Denn wer die Vergangenheit als Gestaltungs- und Orientierungskraft versteht, der wird die Chancen der Gegenwart besser nutzen können. Insofern lohnt ein Blick auf den Beginn des 20. Jahrhundert, an dessen Anfang im Zuge der Internationalisierung der deutschen Wirtschaft eine ungeheure Dynamik von Technik und Wirtschaft einsetzte.

Es ist kein Zufall, dass die Grundsteinlegung des Deutschen Museums in München ausgerechnet im Jahr 1906 stattfand. Die wirklich historische Dimension ergibt sich aber daraus, dass dieser Bau nicht nur das Jahrhundert der Technik einläuten sollte, sondern auch das – wie es der Historiker Hans-Ulrich Wehler nannte – "erste deutsche Wirtschaftswunder“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche aufstrebende neue Industrien. Sie erkannten die einmalige Chance, die sich aus dem Zusammenhang von technischem Know-how und der Dynamik der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft insgesamt ergab.

Aus vielen von ihnen wurden deutsche Traditionsunternehmen. Ihre Namen sind bis heute klanghaft: 1901 wurde der Markenname „Milka“ registriert, nur wenige Jahre später wurde der Name „Horch“, aus dem das heutige Unternehmen Audi entstand, in das Handelsregister eingetragen. BMW wurde 1916 in München gegründet und auch die Gründung des Flugzeug- und Autositzherstellers Recaro fällt in diese Zeit.

Die erste deutsche Startup-Szene um 1900

So unterschiedlich all diese Unternehmen auch sind, sie haben eines gemein: Sie verstanden sich im Gegensatz zu den bereits etablierten Großunternehmen als neue und dynamische Akteure. Für ihre Zeit hatten diese jungen Industrien geradezu ungewöhnliche unternehmerische und organisatorische Ansätze, die sie sehr erfolgreich umsetzten. Der Grad der Arbeitsteilung nahm ständig zu, Familien- Unternehmer stellten erstmals „Manager“ ein. Wenn man so will entstanden zu dieser Zeit sogar die ersten Kommunikationsabteilungen, die Werbung und Vertrieb organisierten. Unternehmen konnten schnell weltweit expandieren, da Banken sie mit ausreichend Kapital versorgten. Eine echte „Startup-Mentalität“ machte sich in diesen Jahren breit und die Zahl der Betriebe mit über 1.000 Mitarbeitern verdreifachte sich innerhalb kürzester Zeit. In dieser Zeit erblickte auch der Name „Osram“ das Licht der Welt. Der Name ist eine Wortneuschöpfung aus den Glühwendel-Materialien Osmium und Wolfram und wurde am 17. April 1906 beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin als Warenzeichen für „Elektrische Glüh- und Bogenlichtlampen“ eingetragen.

Es ist sicher mehr als eine Koinzidenz, dass Oskar von Miller nicht nur der Gründer des Deutschen Museums ist, sondern auch derjenige, der sich als einer der Ersten seiner Zeit mit dem Transport von Strom beschäftigte – eine zentrale Voraussetzung für die Verbreitung von elektrischem Licht und damit eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels. Elektrisches Licht war eine der disruptiven Technologien des 20. Jahrhunderts, die gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Fortschritt brachte.

Das Leben der Menschen änderte sich von Grund auf. Das Bild der Städte wurde ein vollkommen anderes: Aus einem Labyrinth dunkler Gassen wurde ein erleuchteter urbaner Lebensraum. Menschen konnten sich nachts plötzlich sicher bewegen. Erst Licht ermöglichte das bunte nächtliche Treiben, wie wir es heute aus den modernen Innenstädten kennen. Der Zusammenhang von Licht, Konsum, Kultur, Gesellschaft und Vergnügen wurde zum Sinnbild der Großstadt schlechthin.

Unternehmerischer Mut und Entschlossenheit

Vergleichen wir die Zeit um 1900 mit der Gegenwart, stehen wir wieder am Beginn einer dynamischen wirtschaftlichen „Zeitenwende“ in Folge der digitalen Transformation. Sie hat manche Parallelen zum ersten Wirtschaftswunder und großes Potenzial, nach dem zweiten Wirtschaftswunder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nun das dritte Wirtschaftswunder einzuläuten. Wiederum formieren sich junge und dynamische Unternehmen mit neuen Ansätzen. Sie nutzen konsequent den technologischen Fortschritt der Digitalisierung, setzen diesen mit einer guten Finanzierung konsequent um und wachsen extrem schnell.

Eines meiner Lieblingsbeispiele ist „Airbnb“. Der Community-Marktplatz, bei dem private Vermieter ihr Zuhause kurzzeitig an Reisende vermitteln können, wird derzeit laut Medienberichten mit rund 25 Milliarden US-Dollar bewertet. Das entspricht der Bewertung von DAX-Unternehmen. Ein anderes schillerndes Beispiel ist „Uber“, eines der wertvollsten Startups der Welt. Mittels App und Website vermittelt Uber Privatpersonen als Fahrer und verändert damit die Taxibranche grundlegend.

Bewertet wird das 2009 gegründete Unternehmen heute mit über 50 Milliarden Dollar. Die beiden Beispiele verdeutlichen, wie sehr die neuen, digitalen Unternehmen bei aller Innovation von Menschen mit Mut und Entschlossenheit, unternehmerischem Spürsinn und Schaffenskraft angetrieben werden, die die technischen Errungenschaften der Digitalisierung intelligent umsetzen. Letztlich wollen sie Märkte erobern, indem sie bestehende Geschäftsmodelle mit radikalen Ideen angreifen und sich über Branchengrenzen hinwegsetzen – frech und frei nach dem Motto „The sky's the limit“, also nach oben gibt es keine Grenzen. Und der Erfolg gibt ihnen in vielen Fällen Recht.

Der Unternehmer: Vom Patricharchen zum Hipster und Zerstörer

Dabei hat über die Jahrzehnte kaum ein Berufsstand eine so wechselvolle Reputation erlebt, wie der des Unternehmers: Vom verantwortungsvollen und fürsorgenden Patriarchen, bis hin zum skrupellosen Kapitalisten. Von der geldgierigen Heuschrecke bis zum hippen Startup-Gründer. Der Unternehmer ist je nach Zeitgeist die Projektionsfläche unterschiedlichster wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ideologien.

Mit der Digitalisierung kommt dem Unternehmer verstärkt eine Rolle des „schöpferischen Zerstörers“ zu. Das Erfolgsgeheimnis ist seine Entschlossenheit, mit der er technologischen Fortschritt in neue Geschäftsmodelle umsetzt und zum wirtschaftlichen Erfolg führt. Dabei ist die Realisierung des Neuen kaum möglich ohne die Veränderung obsolet gewordener Arbeits- und Produktionsprozesse oder den Umbruch ganzer Märkte. Ohne den Aufbau von Neuem und dem gleichzeitigen Untergang des Alten ist weder ein Strukturwandel noch wirtschaftliches Wachstum denkbar.

Der Erfolg solcher Unternehmer hat radikale Auswirkungen auf die etablierte Wirtschaft. Auch hier muss der Fortschritt Einzug halten, will man nicht zu den Verlierern zählen. Aber es genügt kaum, nur die Krawatte auszuziehen und die kleinen Karos im Kopf zu behalten. Vielmehr müssen Unternehmenslenker das Thema Digitalisierung radikal zur Chefsache machen. Ein bisschen Digitalisierung gibt es ebenso wenig wie ein bisschen schwanger. Dabei verstehe ich radikal in seinem ursprünglichen Sinne: umfassend, vollständig und an der Wurzel angreifend.

Das zieht sich vom CEO in die Kultur der gesamten Organisation hinein. Gerade die etablierten Unternehmen haben noch viel Nachholbedarf. Denn Ihnen fehlen Mitarbeiter mit unternehmerischem Mindset und disruptiven Vorgehensweisen. Unternehmen müssen sich daher so aufstellen, dass sie flexibel in der Unternehmensführung sind und ihre Mitarbeiter zu Unternehmergeist überhaupt erst befähigen. Gemäß dem Motto: „So dezentral wie möglich und so zentral wie nötig“. Der Mitarbeiter als Unternehmer im Unternehmen – nur so werden Unternehmen schneller und dynamischer auf die unterschiedlichen Kunden- und Marktbedürfnisse reagieren können und in der digitalen Transformation bestehen. Mitarbeiter müssen den Gründergeist und den Mut zu Risiko und Verantwortung wieder erlernen.

Disruption als Chance

Wir sehen, Startup, technologische Transformationen oder Disruption sind keine Kinder des 21. Jahrhundert. In ihnen wiederholt sich vielmehr die Geschichte eines entschlossenen Unternehmertums. Das gilt vor allem für die ungeheuren Potenziale, die es freisetzen kann: Während des ersten deutschen Wirtschaftswunders von 1895 bis 1914 verdreifachte sich der Ertrag der gesamten Industrie um 150 Prozent. Was damals die elektrotechnische Industrie war, ist heute die digitale Wirtschaft. Wollen wir ihr Potenzial nutzen, brauchen wir Mut zur Zerstörung und unternehmerische Entschlossenheit und Weitsicht. Sie sind die Basis einer erfolgreichen digitalen Wirtschaft.

 

Dr. Olaf Berlien, CEO